Weinbauregionen

Seit geraumer Zeit dreht sich in der Welt der Weins alles um einen großen Schlüsselbegriff: Terroir. Die Definitionen sind vielfältig und kaum zwischen zwei Buchdeckel zu drucken. Man wird ihm in wenigen Worten kaum gerecht und doch gilt vereinfachend, dass man es mit der Kombination sämtlicher natürlicher Faktoren plus dem stets prägenden – positiv wie negativ – Faktor Mensch zu tun hat.

Kurz: Klima, verbunden mit den schwankenden jährlichen Wetterereignissen, verleiht dem Wein Struktur, die Geologie Charakter, die Rebsorte liefert die Persönlichkeit und der Mensch die Erziehung. Ein klassisches Klischee der alten Weinwelt, angeführt von Frankreich, zieht speziell in Sachen Persönlichkeit und Struktur einen klaren Trennstrich zur Weinszene an der Peripherie der Welt. Nicht immer zu Unrecht. Also: wie sieht es mit Südafrika aus?

Das Land am Kap und die Gegend um das Kap selbst sind in jeglicher Hinsicht spektakulär: schroffe, abgeplattete Berge, steil und unwirtlich, zwei Ozeane, die aufeinanderprallen und das Klima fest im Griff haben und eine Vegetation, die es der Flora im allgemeinen und dem Wein im speziellen erlauben, in all ihrer Diversität für eine oft tiefgrüne Landschaft zu sorgen. Ziemlich genau 100000 Hektar sind mit Rebstöcken aller Art bepflanzt, vorwiegend internationalen, die meisten noch ziemlich jung, obwohl auch Südafrika auf eine lange Weinbaugeschichte zurückschauen kann. Doch sind es die letzten 20 Jahre, die das Land und mit ihm die Weinkultur geprägt haben.

Investiert wurde dabei in vielerlei Hinsicht, elementar war aber die Ausweitung des Wissens, v.a. um das eigene Terroir. Die „University of Stellenbosch“ forscht seit nunmehr 16 Jahren in Sachen Klima, Topographie, Geologie und Rebstock, kurz, sie widmet sich dem lokalen Terroir und liefert die Basis für das „Wines of Origin Scheme“, dem südafrikanischen Herkunftssystem. Herausgekommen ist im Laufe der Zeit ein Katalog von sechs Weinregionen, die weiterführend in 25 „Districts“ und 66 „Wards“ unterteilt sind. Auch Einzellagen spielen eine wesentliche Rolle und betrachtet man all diese Komponenten, so kann man als Fazit festhalten, dass Südafrikas Weinbau die Brücke zwischen Eleganz und Herkunftsidee aus der alten Welt und reifer, dichter Frucht gepaart mit der Sonne und Wärme der Neuen Weinwelt schlägt.

Weinbauregionen in Südafrika

Umgeben von drei mächtigen Felsen, dem Groot Winterhook, dem Witsenberg und Obiekwaberg haben sich hier im Laufe der Jahre 17 Winzer niedergelassen, um sukzessive Weine der Spitzenklasse zu erzeugen. Die drei Berge bilden ein in sich geschlossenes Massiv, mächtig und beeindruckend. Das Tal ist dadurch in sich geschlossen, ähnelt der Form eines Hufeisens und sorgt für ein sehr spezielles kontinentales Mesoklima. Frische Südwinde prägen Tulbagh, während die Ozeane 100 Kilometer nördlich von Kapstadt nur noch bedingten Einfluss ausüben, die Tage also heiß sind, die Nächte dafür umso kühler. Hinzu kommt die spezielle Kessellage, in der sich die Kühle der Nacht erst spät am Morgen verzieht und so für Frische und Struktur in den Weinen sorgt. Der Breede River schlägt Furchen durch das Tal, und trägt die nötigen Wassermengen mit sich, die für die Bewässerung nötig sind. Denn knapp 500 bis maximal 1000 mm Niederschlag im Jahr sind selbst für resistente Rebstöcke zumeist zu wenig.

Grob gesprochen sind es vor allem zwei Bodentypen, die das Tal dominieren. Unten, in der Ebene ist es Sandstein – Erosionsmaterial einerseits, die Relikte eines prähistorischen Sees andererseits – der den Weinen einen üppigen festen Körper mitgibt. Die Hänge, die Berge hinauf sind geprägt von Malmesbury Schist, Schiefer mit Graniteinsprengseln, der den Weinen straffe, elegante und fruchtpräzise Voraussetzungen mitgibt.

Weingüter: Saronsberg

Es regnet wenig im Robertson Valley, 175 Kilometer nördlich von Kapstadt. Zu wenig, um bewässerungslosen Weinbau zu praktizieren – immerhin gilt es, knapp 48 Millionen Rebstöcke mit Wasser zu versorgen, die wiederum ungefähr 15% des südafrikanischen Weinlandes ausmachen. Eine Menge Fakten gleich zu Beginn, doch machen sie das fundamentale Dilemma so mancher Weinbauregion deutlich. Südafrika ist trocken, staubtrocken und so gilt es mit dem Wasser durchzukommen, das die Wintermonate über fällt. In Robertson, dort wo der vielleicht beste Schaumwein des Kontinents produziert wird, sind es der Brandvlei Damm und die nahen du Toitskloof Mountains, nackte, riesige Felsbrocken, die Wasser für die Winzer speichern. Und der Breede River, der sich durch Robertson schlängelt und als Wasserleitung der Produzenten dient.

Diese kontinuierliche Trockenheit hat jedoch auch ihre Vorteile. Die Rebstöcke, oft bis zu 10000 Stück pro Hektar wurzeln tief und suchen sich ihr Wasser in metertiefer oft steiniger Erde. Die Konkurrenz der Wurzeln steigert im allgemeinen ihr Leistungspotenzial und so verwundert es wenig, dass die Weine aus dieser Ecke oft auch zu den mineralischsten und elegantesten Südafrikas gehören. Wobei dafür natürlich auch die Bodenstruktur verantwortlich ist. Dort, wo es sandig ist, Schwemmland aufliegt, es tonig wird, zeichnen sich die Weine oft noch durch Opulenz und dichte Frucht aus. Das ist das Flachland, die Gegend unten am Fluss.

Schöner, vor allem jedoch spannender wird es in den Hügeln, deren Rebflächen sich oft über die Kuppen ziehen und sich somit unterschiedlich zur Sonne exponieren. Karges, oft schiefriges Gestein glimmert aus den Böden, Kalkeinsprengsel finden sich in einer Vielzahl von Hängen und Terrassen. Dort sind die Weine strukturierter, komplexer, raffinierter. Perfekt geeignet für filigrane Chardonnays, die auch das Rückgrat der meisten MCCs (Methode Cape Classique Schaumweine) von Graham Beck bilden.

Die unterschiedlichen Terroirs, die Vielzahl an Böden und Mikroklimata lädt auch zu Experimenten ein. Ein Klassiker der Gegend, und fast so häufig angepflanzt wie Chardonnay, ist Shiraz, der in seinen besten Varianten voller Pfeffer und Blaubeeren steckt, saftig und kräftig ist, ein Barbecuewein für Hartgesottene. Doch, und das erstaunt, findet man hier auch Rebsorten (und Graham Beck ist diesbezüglich ein Vorreiter), die man ansonsten nicht wirklich mit Südafrika assoziiert: Sangiovese, Cabernet Franc und Viognier loten hier ihr Potenzial aus. Und das mit immer größeren Erfolg.

Weingüter: Graham Beck, Arendsig

Glaubt man den Londoner Experten (und es gibt wenig Leute, die sich diesbezüglich besser auskennen) gehört Elgin, eine der kleinsten Regionen (es ist eigentlich nur einer der 49 wards, aber hier wird es kompliziert) am Kap zu den absoluten HOTSPOTS des vinophilen Südafrikas. Und zwar aus einem einfachen Grund: es ist kühl auf seinen Plateaus und Hängen, kühler als in irgendeiner anderen Region Südafrikas. Dafür verantwortlich ist der stets sichtbare Ozean, ob nun Atlantischer oder Indischer ist schwer zu sagen, wir befinden uns an einer imaginären Grenze.

Zwei Monate länger lässt zum Beispiel Andrew Gunn von IONA seine Trauben hängen und die Auswirkungen auf den Wein sind – in positiver Hinsicht – dramatisch. Denn diese längere Reifezeit lässt die Trauben zusätzlich Extrakte aufbauen, intensiviert zudem die Aromen und aufgrund der Kühle ist auch ein natürlicher Säurepegel da, wie man ihn ansonsten eher in Europa findet.

Elgin scheint Europa ohnehin sehr nahe zu sein. Diese Ansicht vertreten zumindest die dortigen Winzer. So produziert IONA beispielsweise Syrah und nicht Shiraz und legt damit ein Bekenntnis zu einer französisch geprägten Tradition ab.

Paul Cluver pflanzte schon vor 20 Jahren Riesling (!), ganz sicher einen der besten der Neuen Welt. Und fragt man die Winzer nach ihrem Terroir, so hört man fortwährende Vergleiche mit Bordeaux (gleiche Durchschnittstemperatur) und Burgund (cool climate). Kein Wunder also, dass auch Cabernet, Merlot, Pinot Noir und selbst Petit Verdot hoch im Kurs stehen.

Dass dann doch alles anders und in seinem Wesen zutiefst südafrikanisch ist, liegt mal wieder tief im Boden vergraben. Quarz dominiert und das gibt vor allem den Sauvignons und Chardonnays einen erfreulich mineralischen Kick mit, doch kommt auch noch weißer Sandstein dazu, das Terrain der Tafelberge und Kouebokkeveld Shale und Koffieklip. Schiefer also und einmalige geologische Formationen, die den Weinen eine straffe, komplexe Struktur verleihen und sie selbst in Südafrika einmalig machen.

Eine weitere extrem wichtige Komponente gilt es noch hervorzuheben. Die Meerwinde und die zumeist trockene Luft halten viele Weingärten auch ohne den Einsatz von Herbiziden gesund. Ein Grund, warum viele dieser oft jungen Rebstöcke noch nie irgendwelche Spritzmittel gesehen haben und ein Garant für große Qualitäten sind.

Weingüter: IONA

Die Weinwelt Südafrikas kann sich komplexer gestalten als man das als Konsument im allgemeinen annimmt – und teilweise wird es sogar für die Winzer schwierig. Als Elina und Piet Dreyer 1999 beschlossen auf ihrer Farm RAKA in der Nähe von Hermanus Rebstöcke auszupflanzen, war das im Prinzip kein Problem. Heikler wurde es, die Region genauer zu definieren, um sie auf der vermessenen Weinwelt Südafrikas auch wiederzufinden.

Südafrikas geographische Einheiten folgen dabei einem klaren Konzept: es gibt Regions, Districts und dann noch eine kleine Untereinheit, die sich Ward nennt. Wards sind für gewöhnlich in die Distrikte integriert und wenn das so ist, dann sind sie auch geographisch schnell verzeichnet. RAKA stellte eine Ausnahme dar. Zwar nur ein paar Kilometer von den kühlen Winden der Walker Bay, Südafrikas herausragendem Pinot-Noir District entfernt, liegt es doch einsam und für sich verlassen, am Fuße der Klein River Mountains, Südafrikas südlichster Bergkette. Also kämpften die beiden Quereinsteiger ein paar Jahre lang nicht nur gegen die Schwierigkeiten, die sich jedem Winzer anfangs stellen, sondern vielmehr auch um die Aufnahme in die offizielle Kartographie des südafrikanischen Weinbaus. Heute ist Klein River einer von 65 Wards und ganz sicher einer der spektakulärsten.

Im Südosten schützen die Berge vor Regen und so ist die Gegend zwar von den kühlen Winden des Indischen Ozeans geprägt aber doch relativ trocken. Ebene Flächen gibt es hier wenige, vielmehr ziehen sich die Rebstockreihen 100 Meter hoch über die Hügel und erlauben so einerseits die Ausprägung diversen Mikroklimata andererseits eine ansonsten in Südafrika selten gefundene Straffheit und Mineralität. Zudem gibt es hier, von Sandstein unten am Fluss bis zu kargen Schieferlagen, völlig unterschiedliche Bodenstrukturen und letztlich ein in seiner Vielfalt kaum übertroffenes Spektrum an Weinen.

Weingüter: RAKA

Die Neue Welt ist manchmal gar nicht so neu und das beste Beispiel dafür ist die Weinwelt des Constantia Valley. Dort  wurde auf Simon van der Stel’s Farm schon im 17. Jahrhundert Wein angebaut und das auf Böden die so alt sind, dass sich nicht einmal Fossilien darin finden, weil es damals noch keine Wirbeltierchen gab. Ob Simon damals schon ahnte, dass sich sein Stück Land ganz besonders gut für Weinbau eignet oder ob er diesen Flecken Land aufgrund der Nähe zu Kapstadt auswählte, darüber lohnt es ich nicht wirklich zu spekulieren. Fakt ist jedoch, dass bereits im 18. Jahrhundert der Süßwein aus Constantia Weltruhm erlangte und quer durch die Welt geschifft wurde. Heute wird er zwar nur noch sporadisch produziert, dafür hat man sich andere Qualitäten des Landstrichs zu eigen gemacht.

Die da wären: Osthänge, die zum einen schon in der Früh die Sonne aufsaugen, andererseits von den kühlen Winden des Ozeans perfekt gestreift werden können. Die Nähe der False Bay sorgt zum einen für ausreichend Kühle, um die Weine frisch zu halten zum anderen bringt der Ozean auch ausreichend Niederschläge, sodass keine Notwendigkeit für künstliche Bewässerung besteht.  Naheliegenderweise eignet sich der Landstrich perfekt für den Anbau weißer Trauben und kaum sonstwo in Südafrika gibt es bessere Beispiele für saftigen und perfekt ausgereiften Sauvignon. Die Ikonen Constantias sind trotzdem rot. Denn die günstigen klimatischen Bedingungen, die etwas verlängerten Vegetationszeiten im Verbund mit Granit- und Sandböden sorgen dafür, dass die Weine ein Rückgrat und eine Struktur haben, die man selbst im oft bewunderten Bordeaux lange sucht. Als Alternative zu Frankreichs Spitzenregion drängt sich Constantia dann auch speziell wegen der Rebsorten auf: Merlot, Cabernet Sauvignon, Petit Verdot und Cabernet Franc werden sowohl reinsortig wie auch cuvetiert in beeindruckenden Qualitäten ausgebaut.

Weingüter: Constantia, Steenberg

Tut man den anderen Regionen Südafrikas Unrecht, wenn man schlicht und einfach behauptet, dass die Winzer des Swartland im Moment die Latte für andere sehr hochlegen? Möglicherweise, aber was  solls. Im Swartland findet eine Revolution statt, die angesichts seiner geographischen Größe klein ist, andererseits aufgrund der gelieferten Qualitäten und der dahintersteckenden Intentionen schon einiges an Gewicht hat. Und zwar nicht nur in Südafrika sondern in der gesamten Neuen Welt.

Die Eckdaten unterscheiden sich dabei nicht so sehr von den anderen Regionen Südafrikas. Es ist verhältnismäßig warm, doch geben verschiedene Bergketten zudem Platz für diverse mikroklimatische Ausprägungen. Der Boden ist von steinaltem Gestein dominiert, die Topographie ist hügelig, weich und unglaublich schön. So weit, so bekannt.

Und doch geht seit gut einem Jahrzehnt eine Aufbruchsstimmung von Swartland aus, wie man sie sonstwo in Südafrika nicht findet. Wesentlich war dabei die bemerkenswerte und zuweilen extravagante Kreativität eines Winzers: Eben Sadie setzte Rebsorten (Cinsault, Mourvedre, Grenache, Carignan, Marsanne etc.), die sich perfekt und schnell an ihre Umgebung adaptierten und önologische Maßstäbe, die heute von einer Gruppe junger Winzer fortgeführt, erweitert und teilweise auch radikalisiert werden (an vorderster Stelle steht dabei ein zweiter meiner Winzer, Craig Hawkins, der Kellermeister von Lammershoek). Um besser gehört zu werden und sich auch elementar von anderen südafrikanischen Winzern abzusetzen, haben sich knapp zwei Dutzend Winzer zu den Swartland Independent Pruducer zusammengeschlossen, die sich – mit dem Ziel authentische und terroirspezifische Weine zu vinifizieren – einem selbst entworfenen und strengen Regulativ unterwerfen. So sind z.B. ebenso wenig Reinzuchthefen erlaubt wie Aufsäuerungen oder das physikalische Verfahren der Umkehrosmose, man forciert die alte Tradition der Buschweinpflanzung, hält die Schwefelungen auf einem Minimum, und erlaubt nur mikroskopischen Einsatz von neuem Holz.

Das Resultat lässt sich sehen und auch trinken. Die phänomenalen Weine von Eben Sadie und Lammershoek gibt es bei mir im Shop.

Weingüter: Lammershoek, Sadie Family Vineyards

Ganze 50 Kilometer ist Paarl von Kapstadt entfernt und doch hat man es hier mit einer komplett anderen Welt zu tun. Die Ozeanflüsse sind minimal, die Temperaturen hoch, die Sommer lang und sehr warm. Paarl ist heute eine der großen Qualitätsweinbauregionen rund um das Kap. Das war beim besten Willen nicht immer so. Eine große Weinbauregion war Paarls zwar immer, doch beschränkte man sich lange darauf Trauben in enormen Mengen zu produzieren. Quantitäten hatten eindeutig Vorrang gegenüber der Qualität. Das hat sich seit dem Ende der Apartheid radikal geändert und was sich heute in Paarl zuweilen an Innovation und Aufbruchsgeist abspielt, ist nicht selten beeindruckend.

Dafür gibt es drei wesentliche Gründe: 1. die Lagen an den Hängen der Paarl Mountains, die oftmals – speziell exponiert – über eine Vielzahl von unterschiedlichen Mikroklimata verfügen. 2. das Alter der Rebstöcke. 3. Die Vielzahl der Rebsorten: Paarl ist seit jeher eine experimentelle Spielwiese für Winzer gewesen: Shiraz, Pinotage, Cabernet Sauvignon, Chardonnay und Chenin Blanc geben den Takt vor, doch gesellen sich hier auch Semillon, Grenache, Mourvedre, Petit Verdot und noch eine ganze Menge weiterer Sorten hinzu. Sie sorgen für ein Spektrum an Weinen, das sich im Sortiment von Windmeul ziemlich perfekt repräsentiert sieht.

Weingüter: Windmeul

Kühl, kühler am kühlsten. Die Suche nach den kältesten Ecken rund ums Kap hat zwar noch kein Ende gefunden, doch die Walker Bay scheint in Sachen Cool Climate (gemeinsam mit Elgin) im Moment die Nase vorne zu haben. Für geeichte Mitteleuropäer mag diese Recherche teilweise absurde Züge in sich tragen, für qualitätsbewusste südafrikanische Winzer ist sie beizeiten eine Existenzfrage.

Zwei Möglichkeiten stehen ihnen in einer stets wärmer werdenden Umgebung offen – die Höhe und der Süden. Letzterer ist vor allem für die extrem kühlen Winde berühmt, atlantische und indische, und die Walker Bay und ihre vier dazugehörigen Bezirke (wards) Hemel-en-Aarde Ridge, Hemel-en-Aarde Valley, Sunday’s Glen and Upper Hemel-en-Aarde Valley sind in nur wenigen Jahren neben dem Swartland zum vermutlich innovativsten Terrain für Top-Weine aufgestiegen. Hier geben, wen wundert es, Pinot Noir und Chardonnay den Takt vor. Straff, elegant, saftig und elegant ist die Grundstruktur der Weine der Walker Bay. Und wenn alles gut läuft, sind sie zudem komplex und mineralisch. Letzteres liegt auch an der von Schiefer dominierten Geologie, die von gelegentlichen Sandsteinböden und Granitfelsen abgelöst wird.

Im Schatten von Pinot und Chardonnay gedeihen freilich noch andere Rebsorten auf ähnliche brillante Weise. An vorderster Stelle sollte man auch hier den Shiraz erwähnen, der in der Walker Bay sehr nahe am Syrah, also am französischen Pendants von der (nördlichen) Rhone dran ist. Sauvignon Blanc zeigt hier all seine Frische und Saftigkeit und auch die beiden Bordeauxrebsorten (Merlot/Cabernet Sauvignon – allein und im Verbund) fühlen sich im tiefsten Süden Südafrikas extrem wohl.

Weingüter: Creation

Epizentrum und Kapitale, Ausbildungszentrum und Anziehungspunkt: Stellenbosch ist alles in einem. Wie keine andere Region verkörpert die Gegend rund um die gleichnamige Universitätsstadt südafrikanische Weinkultur. Eine Stunde von Kapstadt entfernt lockt sie Weinliebhaber aus aller Welt und wer glaubt Stellenbosch in ein paar gemütlichen Stunden abgehakt zu haben, irrt gewaltig. Das lässt weder die Vielfalt der Weine zu, die man probieren sollte noch die dramatische Szenerien, in die die Weingüter eingebettet sind.

Weinbau gibt es in Stellenbosch, seit Simon von der Stel 1679 südafrikanischen Boden betreten und erste Rebstöcke in die sandigen Talböden der Region gesetzt hat (er ließ in den Folgejahre weitere 100000 Stöcke auspflanzen). Seitdem sind mehr als 17000 Hektar hinzugekommen, die von einer stets steigenden Anzahl an Weingütern bewirtschaftet werden. Knapp 200 teilen sich auf die sieben Wards auf, in die Stellenbosch unterteilt ist und die allesamt kleine geologische und klimatische Unterschiede aufweisen.

Stellenbosch ist nicht nur Südafrikas Vorzeigeregion und das Zentrum lokaler und internationaler Weinliebhaber, in der einst von holländischen Einwanderern geprägten Stadt befindet sich auch der intellektuelle Schnittpunkt südafrikanischer Weinkultur. Die Stellenbosch University gehört seit Jahren zu den weltweit führenden Institutionen in Sachen Weinbau und Önologie und nahezu jeder Winzer des Landes ist durch seine Säle, Vorlesungen und Laboratorien gegangen. Es ist vermutlich nicht zu vermessen zu behaupten, dass das Nietvoorbij Institute of Viticulture and Oenology die immense Qualität südafrikanischer Weine ähnlich geprägt hat, wie die sie umgebenden Terroirs.

Die basieren in Stellenbosch auf ein paar entscheidenden Komponenten: zum einen prägt die Topographie. Die Twin Peaks, der Simonsberg und der Drakenstein sind allesamt knapp 1500 Meter hoch und bilden eine natürliche Barriere in Richtung Norden. An ihren Hängen bleiben Wolken hängen und regnen ab, sodass man fast generell auf künstliche Bewässerung verzichten kann. Die Berge gehen sukzessive in eine fein modulierte Hügellandschaft über, auf deren Kuppen und Hängen sich erste Weingärten finden, die sich langgezogen in das intensiv bewirtschaftete Tal hinabziehen. In der Ebene sind die Böden vor allem von Schwemmböden und Sand geprägt, während in den Hügeln vor allem verwitterter Tafelberggranit den Ton angibt.

Stellenbosch kann man grundsätzlich zu den kühlen Regionen Südafrikas zählen, was zum einen mit der Höhe vieler Weingärten zu tun hat, zum anderen aber auch mit der Nähe zur False Bay, die, nur wenige Kilometer entfernt, Stellenbosch fortwährend mit kühlen Winden versorgt. Die geben den Rotweinen, allen voran Cabernet Sauvignon aber auch Pinotage und Syrah zusätzlich Struktur mit auf den Weg, lassn ihre Aromen präzise und klar erscheinen und tragen ganz entscheidend zum globalen Renommee der Region bei. Stellenboschs Weißweine hingegen, die sich oftmals in den Hügeln und auf nördlich exponierten Hängen befinden, bekommen dadurch ein Plus an Säure und Gleichgewicht, entwickeln frische und saftige Texturen und ein fein ziseliertes und definiertes Bukett.

Identität ist das große Schlagwort, das seit geraumer Zeit durch die Weingüter Franschhoeks geistert. Bei einer Region, die gerade einmal 1225 Hektar an Weingärten umfasst und folglich kleiner ist als die Wachau, sollte die Suche nach vinologischen Spezifika eigentlich kein großes Problem darstellen. Die Realität sieht freilich anders aus und die Gründe dafür sind vielfältig.

Schwer wiegt dabei die jüngere Weinbaugeschichte des kleinen Bezirks (einer von 60 südafrikanischen wards). Franschhoek war zu Zeiten der Apartheid einfach nur ein Bestandteil innerhalb der viel größeren Region Paarl und letztlich dazu verdammt, einfach nur Masse zu produzieren. Doch schon in den ersten Jahren nach ihrem Ende hat man die Möglichkeiten eines der beeindruckendsten Terroirs Südafrikas erkannt. Wobei sich durch die sukzessive Erforschung der natürlichen Voraussetzungen neue, wenn auch durchaus positiv zu interpretierende Schwierigkeiten ergeben haben: Franschhoek ist in sich derart komplex, dass die Authentizität der Region und folglich ihre Identität vermutlich in ihrer Uneinheitlichkeit zu suchen ist.

Das Weinbaugebiet Franschhoek erstreckt sich durch ein weites Tal, das an drei Seiten von enormen Bergformationen begrenzt wird. Der Anblick lässt Besucher staunen und Winzer grübeln, haben sie es doch durch die unterschiedlichen Topographien mit einer Vielfalt an Böden, Expositionen und Klimata zu tun. So kann es beispielsweise im südwestlichen Teil der Region, dort wo die Groot Drakensberge mit den Franschhoek Mountains zusammentreffen bis zu 2000 mm im Jahr regnen, während man im dahinterliegenden Tal oft nur 400 mm Niederschlag abbekommt. Ähnlich divers sind die geologischen Voraussetzungen. Während die Talböden größtenteils von Sedimenten geprägt sind, bestehen die Hanglagen vorwiegend aus verwittertem Granit und Sandstein. Klimatische Unterschiede zwischen der Ebene und den Berglagen sorgen für einen weiteren Mosaikstein im großen Bild der kleinen Region.

Neben all der Unterschiedlichkeit gibt es in Franschhoek allerdings auch einen entscheidenden einigenden Aspekt. Franschhoek – wörtlich übersetzt Franzosenecke – ist seit jeher (1688) von den Hugenotten geprägt, die nach der Aufhebung des Edikts von Nantes, das religiöse Toleranz durch Verfolgung ersetzte, nach Südafrika emigrierten. Ob diese Flucht ein Grund ist, warum Franschhoek heute zu den kulinarischen Hot-Spots Südafrikas zählt, sei dahingestellt, Fakt ist jedoch, dass die Gegend genauso wie der Rebsortenspiegel durch und durch französisch geprägt ist. Französische Namen allerorten, französische Rebsorten ebenso. Chardonnay und Cabernet Sauvignon geben den Ton an, dazu gesellen sich aber auch Chenin Blanc und Viognier, Merlot und Syrah, vor allem aber Semillon, von dem man sagt, dass er nirgendwo so ideale Voraussetzungen findet wie in Franschhoek.

Es ist naheliegenderweise nicht einfach einen einheitlichen Stil der Region zu definieren, doch sollte man das als mündiger Weintrinker unbedingt akzeptieren. Franschhoek bietet auf nur wenigen Quadratkilometern ein Sammelsurium an Stilistiken, deren Charakteristika sowohl lebendig & elegant wie auch gewichtig & kraftvoll sein können – spannend jedoch sind sie allemal und so verwundert es nicht wirklich, dass sich die Region in nur zwei Jahrzehnten als eine der anerkanntesten Destinationen der südafrikanischen Weinwelt etabliert hat.

Das Western Cape, das Land um das Kap, ist eine der spektakulärsten Landschaften der südlichen Hemisphäre. Ein paar Autostunden nordwärts von Kapstadt bestimmen die Cederberge die Topographie. Auf ihrem kargen Grund wachsen die Büsche des Rooibos Tee. Dort, wo einst mächtige Zedern standen (die längst der Axt zum Opfer gefallen sind), dominieren heute abermillionen grüne Nadelbüsche das braune Terrain. Rooibos, Afrikaans für Rotbusch, ist hier auf einer Fläche von knapp 3000 qkm die Lebensader einer ganzen Region. Gelegentlich durchbrechen jedoch auch rote Einsprengsel dieses grüne Meer. Diese leuchtenden Flecken sind tote und abgestorbene Büsche und verantwortlich für deren Namensgebung.

Rooibos gab es freilich auch schon als die Cederberge noch von Bäumen bewachsen waren. Damals wurden sie vor allem von einheimischen Bewohnern zur Heilung diverser Krankheiten verwendet. Offiziell aufgebrüht wurden die Nadeln des Rooibos erstmals 1904, Benjamin Grünberg, seines Zeichens russischer Teehändler, sei gedankt. Zwar fand der Tee spontanen Anklang, an zunehmender Reputation gewann er freilich erst in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Das lag zum einen an seinem feinen, leicht nussigen und honigartigen Geschmack – dem immer ein wenig Süße innewohnt und der deshalb bestens ohne Zucker getrunken werden kann – zum anderen jedoch an seinen vielfältigen gesundheitsfördernden bzw. prophylaktischen Eigenschaften. Rooibos ist in multipler Weise anti-: karzinogen, oxidant und allergisch. Daneben gibt es allerdings auch einige Faktoren, denen man ein plus hinzuaddieren kann. Er besitzt natürliche Vitamine, Kalzium, Kalium, Eisen, Fluor, Magnesium und nicht zuletzt exakt 99 ätherische Öle. Rooibos stärkt das Herz, ist angeblich gut für Heuschnupfengeplagte, tut dem Körper gut und was mindestens genauso wichtig ist, er schmeckt auch richtig gut.

Dass dem so ist, liegt an mehreren Faktoren. Zum einen an den Pflanzen an sich, die, nachdem sie manuell und klassisch mit einer Sichel geerntet wurden, in verschiedene  Längen  gehäkselt werden. Mit Wasser besprüht, machen sie über Nacht einen Fermentationsprozess durch, der ihnen einen rostroten Ton verleiht. Danach wird der Tee auf grossen Betonplatten an der bis zu 45 Grad heissen afrikanischen Sonne  getrocknet.

Das ist die eine, relativ simple Seite der Medaille. Auf der anderen Seite stehen Boden und Klima und da tauchen auch Parallelen zu den besten Weinen Südafrikas auf. Rooibos liebt die leicht sauren Sandböden am Fuße der Cederberge und das trockene, karge Klima. Der Busch ist aber, anders als die allermeisten Trauben, so kapriziös, dass er auch wirklich nur in dieser Ecke der Welt überlebenswillig ist (und dort auch gleich bis zu 30 Jahre alt wird, sofern er nicht laufend gestutzt wird). Australier haben sich am Rooibosanbau versucht, Kalifornier ebenso, beide sind gescheitert.

Damit der Trinkgenuss  auch wirklich optimal ist, bedarf es einer gewissen Trinkkultur: so sollte man Rooibos möglichst mit 90 Grad warmem Wasser aufbrühen, damit die Mineralien und Vitamine nicht zerstört werden. Pro Tasse sollte man ca. einen Teelöffel Rooibos verwenden und ihn einige Minuten ziehen lassen. Rooibos ist im Gegensatz zu schwarzem Tee nicht bitter und eignet sich auch bestens als Eistee; mit einem Schuss Zitronensaft oder -sirup wirkt er zudem erfrischend.Rooibos ist koffeinfrei (und deshalb auch ein perfektes Getränk für Kinder! Wer noch immer keine Lust auf Rooibos bekommen hat, der kann natürlich auch weiter gerne Wein trinken. Einen Versuch jedoch ist der rote Tee allemal wert.

Rooibos Produzent: Keller